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Prolog

Wenn die Worte nicht stimmen

„Wenn die Worte nicht stimmen, dann ist das Gesagte nicht das Gemeinte. Wenn das, was gesagt wird, nicht stimmt, dann stimmen die Werke nicht. Gedeihen die Werke nicht, so verderben Sitten und Künste. Darum achte man darauf, dass die Worte stimmen. Das ist das Wichtigste von allem.“

Konfuzius

Invasion der Barbaren

Das intellektuelle Gebrechen der neuen akademischen Mittelklasse ist der grundsätzliche Glaube daran, dass eine Welt möglich sein könnte, in der es keine körperlichen und psychischen Schmerzen, keinen sexuellen Missbrauch, keine erzwungene Unterdrückung von Wünschen, keine Umweltverschmutzung, keine Tierquälerei, keine ökonomische Ausbeutung und auch kein Gefühl der Zurücksetzung mehr gibt.


Diese fromm-infantile Vorstellung, die vor allem von den Verheißungen des technologischen Fortschritts angetrieben wird, könnte prinzipiell Nahrung für einen neuen, derzeit noch utopischen Humanismus abgeben.
Wäre sie nicht gepaart mit einer erschreckend hedonistischen Haltung, die Kreativität und einen ästhetisierten Lebensstil zur Grundlage des eigenen Handelns macht und damit die meisten Menschen, die dem Zwang der ständigen Neuerfindung des Selbst nicht entsprechen können, in die Depression jagt.
Luxus-Mittelmäßigkeit
Während sich die so unter Dauerstress gesetzten Erwachsenen mit möglichst in…

Das Lächeln der Rowlands

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Sonnenbrille auf der Nasenspitze,  Verdeckt vor einer gramgebeugten Welt.  Sie schaut in deine Augen, rümpft die Nase  Presst die Lippen fad zusammen.  Quäl’ sie nicht mit deinen Sorgen,  Sie schaut sonst nur immer trüber drein. 
Die Zigarette schlecht gerollt,  Das Haar geföhnt und akkurat gewellt,  Der Teint wohl einfach so dahingetupft,  Mühelos und trotzdem fahl. 
Schenk’ ihr bloß das Bier nicht nach,  Sie wird damit sofort den Tisch begießen.  Dann wird sie fauchen, später brüllen,  Bis ihr die Kehle matt geworden ist.  Ein andrer hat sich dann schon zu ihr hingedreht.  Er sitzt in deinem Rücken,  Du siehst ihn einfach nicht. 
Mit blitzeblanken Augenzähnen  Versucht er sich als stiller Don Juan.  Obwohl du weißt, dass sie derlei Übel  Oftmals genug beiseite sprengt,  Überfällt dich oft, gib’ es nur zu,  Ein heiseres Gefühl von Fremdenzorn. 
Immer noch lauscht sie den Tiraden,  Spannt die Wangen, lüpft die Stirn. 
Dann denkst du einmal wieder:  Das Weib, es herrscht, es weiß genau,  Dass es mit drei, vier G…

Albtraum Geburt

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„Eraserhead“ ist bis heute der erschreckendste Film von David Lynch geblieben. Das surrealistische Meisterstück ist nicht nur ein Höhepunkt des experimentellen Films, sondern liefert auch den Interpretationsschlüssel für alle späteren Werke des Regisseurs mit. 
1977 probte das amerikanische Kino den Hypersprung und wagte sich zum ersten Mal in eine neue Galaxis vor. Mit „Krieg der Sterne“ von George Lucas wurde das Weltall nach Georges Méliès „Reise zum Mond“ und Stanley Kubricks „2001 - Odyssee im Weltraum“ endgültig für die große Leinwand erobert - und mit Lichtschwert-Power und Sternenkreuzern zum Explosionsfeld aufgedreht.

Doch in diesem fürs Kino beachtliche Jahr wagte sich auch ein anderer Regisseur auf einen fremden Planeten vor und schilderte mit alpdruckhaften, expressionistischen Bildern eine phantastische Reise in eine (Innen-)Welt, die möglicherweise noch wesentlich unerforschter ist als so mancher Lichtjahre entfernter Sternenhaufen.

„Eraserhead“, David Lynchs Debütfilm, …

Ruhe bewahren

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Die Coronavirus-Pandemie teilt die Menschen in zwei Gruppen. Die einen sind unmittelbar vom Erreger betroffen. Sie haben sich angesteckt. Oder Personen, die sie kennen und lieben, haben sich infiziert - vielleicht kämpfen sie sogar um ihr Leben. Ein Schrecken, den einjeder wohl ins Reich der Albträume wünschte. Für manche ist er bittere Realität.

Dann gibt es aber auch all jene, die wegen Corona aus ihrem Alltag geworfen werden, vielleicht ihrer Arbeit nicht, oder nur unter erschwerten Bedingungen nachgehen können. Kinder, die nicht in die Schule oder den Kindergarten dürfen (und nun mit Maske und vielleicht mit bang pochendem Herzen das Schulgebäude betreten). Unternehmer, die um die Existenz ihres Lebenswerks bangen.

Beziehungen, die unter dem Eindruck der Selbstisolation buchstäblich ebenfalls in die Enge geraten. Kranke, die den Arztbesuch vermeiden und vielleicht ihr Leben gefährden. Manche fühlen sich vielleicht auch nur etwas in ihrer Freiheit eingeschränkt, sich mit anderen …

Who's Afraid Of The Superspreader?

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Gedanken zu einer Welt im Zeichen von Corona

Schweigen oder Schreiben? Diese Frage stelle ich mir, seit das neuartige Coronavirus die Welt in kürzester Zeit zum Stillstand gezwungen hat.

Es gibt keine Worte für einen Zustand, der für sich selbst reklamiert, nur eine Ausnahme zu sein, gleichwohl aber keine Sicherheit zulässt, wann denn sein Ende gekommen sein könnte. Als die ersten Berichte über die rasche Verbreitung eines bislang unbekannten Erregers im chinesischen Wuhan die Runde machten, urteilten selbst die eilig konsultierten Experten, dass es sich um einen regionalen Schock handeln wird.

Etwas klammheimliche, verbotene Bewunderung gehörte wohl dazu, als dazu immer wieder die Schlussfolgerung gereicht wurde, dass das Land der aufgehenden Sonne mit seinen harschen, zum Teil menschenverachtenden Methoden einer Einparteiendiktatur das Virus schnell eingekreist haben würde.

Krankenhäuser mit Abertausenden Betten - in wenigen Tagen aus dem Boden gestampft. Ganze Regionen - abgerieg…

Geplant planlos, gleichsam Wildwuchs

Diesen Blog würde es in dieser Form nicht geben, wenn ich nicht irgendwann Michel de Montaigne für mich entdeckt hätte. Seine Vorstellungen, wie man das Leben schreibend bewältigt - der Nachwelt in seinen zurecht berühmten „Essais“ hinterlassen -, hat mich tief geprägt und meinen Wunsch gestärkt, selbst eine Sprache zu finden, wie man mit dem Wuchern des Wahnsinns auf dieser Welt umgehen kann.
Während mir das essayistische Denken nicht eben zuletzt wegen Montaigne zum Vorbild für selbstbewusste Reflexion wurde, beeindruckte mich vor allem auch die in all seinen Schriften sichtbare Konzentration auf den Umstand, dass jedes noch so unschuldige Hinterfragen des eigenen Handelns nur zu einer Frage führen kann: „Wie soll ich leben?“
Die Schriftstellerin Sarah Blakewell hat sich dieser im Grunde in jedem der „Essais“ von Montaigne mitschwingenden Fragestellung angenommen und in einem scharfsinnigen, biographischen Büchlein („Wie soll ich leben? oder Das Leben Montaignes in einer Frage und …