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Unbedingt lesen

In Honig getaucht

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Mein lieber Sohn, 
ich kann mich noch sehr genau daran erinnern, wie ich einst in der gleichen Situation war wie du jetzt. Diese freudige und zugleich spannungsreiche Erwartung. Das Bangen, ob alles genau so abläuft, wie es zuvor besprochen und erhofft wurde. Es kommt eh alles anders, als man denkt. Das ist jetzt aber nicht wirklich ein Ratschlag, sondern eine fürchterliche Binsenweisheit, höre ich dich sagen. Natürlich! Aber genau das bedeutet es ja, Mutter und Vater zu werden: sich auf etwas einzulassen, das nicht planbar ist.
Du kamst auf den letzten Drücker auf die Welt, mein Sohn. Als hättest du gar keine Lust gehabt, aus deinem wonnig-warmen Nest zu schlüpfen. Warum auch? Im eisigkalten Winter fällt es doch viel schwerer, zum ersten Mal die Augen zu öffnen und nach Luft zu schnappen. Du hast es dann doch gewagt, auch wenn du deiner Mutter und mir erst einmal viel Angst eingejagt hast.
Darauf musst du dich nun auch einstellen: Die Furcht wird zu deinem alltäglichen Begleiter. Du…

Ohne Titel (Studie zur Traurigkeit)

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Das Lächeln der Rowlands

Sonnenbrille auf der Nasenspitze,  Verdeckt vor einer gramgebeugten Welt.  Sie schaut in deine Augen, rümpft die Nase  Presst die Lippen fad zusammen.  Quäl’ sie nicht mit deinen Sorgen,  Sie schaut sonst nur immer trüber drein. 
Die Zigarette schlecht gerollt,  Das Haar geföhnt und akkurat gewellt,  Der Teint wohl einfach so dahingetupft,  Mühelos und trotzdem fahl. 
Schenk’ ihr bloß das Bier nicht nach,  Sie wird damit sofort den Tisch begießen.  Dann wird sie fauchen, später brüllen,  Bis ihr die Kehle matt geworden ist.  Ein andrer hat sich dann schon zu ihr hingedreht.  Er sitzt in deinem Rücken,  Du siehst ihn einfach nicht. 
Mit blitzeblanken Augenzähnen  Versucht er sich als stiller Don Juan.  Obwohl du weißt, dass sie derlei Übel  Oftmals genug beiseite sprengt,  Überfällt dich oft, gib’ es nur zu,  Ein heiseres Gefühl von Fremdenzorn. 
Immer noch lauscht sie den Tiraden,  Spannt die Wangen, lüpft die Stirn. 
Dann denkst du einmal wieder:  Das Weib, es herrscht, es weiß genau,  Dass es mit drei, vier G…

It's A Mad, Mad, Mad World

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Es mag wie eine Kapitulation vor den immer mieser werdenden (ökonomischen) Umständen anmuten. Doch in Wahrheit hat sich „Mad“ nur den größten aller Jokes für den Schluss aufgehoben. In dem Moment, in dem die Welt exakt zu jener Parallelgalaxie des Schwachsinns geworden ist, die „Mad“ mit Spott und subversiver Verve gegen die unerträglichen politischen und kulturellen Zwänge des vergangenen Jahrhunderts herbei fantasiert hat, streckt es die Waffen. 
In diesem Jahr wird in den USA wohl die letzte Ausgabe des legendären Satire-Magazins erscheinen. Ein langjähriger Mitarbeiter verriet es in einer privaten Facebook-Gruppe, ein Blogger las mit - und nun ist die Katze aus dem Sack. Das lange Zeit auf billigem Papier und ausschließlich in Schwarz-Weiß gedruckte Blättchen zelebrierte mehr als ein halbes Jahrhundert Zoten, delektierte sich an der Lust der Leser, nichts und niemanden zu Ernst zu nehmen. Das kam an. Mehrere Generationen wuchsen mit den skurrilen Onomatopoesien von Don Martin auf…

Spaziergänger

Ich habe mich vor einiger Zeit dafür entschieden, bewusst darauf zu achten, wie die Menschen gehen, um ihnen, wenn sie aus Hetze oder Böswilligkeit auf mich zulaufen, als hätten sie mich nicht gesehen, ohne Anstrengung ausweichen zu können. 
Manchmal treffe ich jemanden, der es ähnlich macht wie ich. Aber das ist selten.

Liebeserklärung an „American Beauty"

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Wer hätte je gedacht, dass es möglich sein könnte, wegen einer Plastiktüte in Tränen auszubrechen?

„American Beauty“ wird uns auch noch weinen lassen, wenn wir ihn zum einhundertsten Mal sehen. Das liegt daran, dass der Film mit ungeheurem Feingefühl (und natürlich vielen treffenden Sprüchen) eine Riesenportion Melancholie über seine Figuren ausschütten lässt und sie genüsslich dabei beobachtet, wie sie sich, mehr schlecht als recht, freischwimmen.

Natürlich ist da Lester Burnham, diese vom Leben kleingestampfte Wiederkehr von Nabokovs Humbert Humbert, der sich vom amerikanischen Traum, gelinde gesagt, verarscht fühlt und nun wie ein pubertierender Teenager dagegen ankämpft. Ein armes Würstchen („Sehen sie mich an: Ich hole mir unter der Dusche einen runter. Dies ist der Höhepunkt meines Tages. Von hier an geht's nur noch bergab.“) – aber trotzdem keiner dieser Jammerlappen, wie sie in all den Hipster-Filmen und Midlife-Crisis-Dramen dahinvegitieren.



Regisseur Mendes und Drehbu…

Der Entscheidungsspieler

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Kaum ein Spieler beim FC Bayern München hat die erfolgreiche Ära der letzten Jahre so sehr geprägt wie Arjen Robben. Mit seinem unvergleichlichen Tempospiel und einem fast unheimlichen Ehrgeiz machte er mehr als einmal den Unterschied aus. Nun beendet der Niederländer seine Karriere. Man wird ihn vermissen. Denn Spieler mit seinem Temperament sind im Fußball rar geworden. 
Es gibt Fußballspieler, die auch aus einer Entfernung von mehreren hundert Metern sofort wiedererkannt werden können. Sie bewegen sich auf eine ganz eigenständige, man möchte fast sagen magische Art und Weise über den Platz. Sie preschen druckvoll über den Rasen - wie Cristiano Ronaldo. Sie hüpfen von einem Gegner zum nächsten, den Ball am Fuß, als würde er von einem Magneten angezogen - wie Lionel Messi. Oder sie dribbeln wie ein ehrgeiziges Kind, das es jedes Mal als Kränkung empfindet, die Kugel zu verlieren, von einer Linie zur nächsten - wie Arjen Robben.
Der niederländische Offensivspezialist ist schlichtweg …

Abenteuer in der Welt der Wissenschaft

Als ich noch ein Pimpf war, sammelte ich „Projekt X“-Hefte. „Abenteuer in der Welt der Wissenschaft“ stand auf den Pappschubern, in denen sich neben einigen Sammelblättern für einen Ordner auch Poster, Bastelbögen und so manch andere Gimmicks befanden. 
Alle 14 Tage erschien eine neue Ausgabe, immer mit einem anderen Thema. Darunter gab es solch weitläufigen Kategorien wie „Unsere Ozeane“, „Licht“, „Sport und Fitness“, „Wetter“ oder „Kriminalität“. Man fantasierte sich mit dem Heft aber zuweilen auch „Ins Unbekannte“. 
Erschienen war die Reihe bei Marshall Cavendish in Hamburg, das in den 90er-Jahren viele großartige Sammelserien herausgab, darunter „Im Reich der Urwesen“ (das mich das erste und möglicherweise letzte Mal dem Fantasy-Genre näher brachte), „Faktor X“ (das meine durch „Akte X“ geweckte Leidenschaft fürs Unerklärliche vorzüglich bediente), sowie „Im Herzen der Klassik“ (das mir zeigte, dass es Gebiete gibt, die möglicherweise im Leben selbst bei besten Absichten nicht hi…

Writing To Reach You

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Hör' dir alle Alben von Travis an, sagtest du zu mir. Sie hätten dein Leben verändert, dir einen neuen Soundtrack für den oft trübseligen Alltag geschenkt.
Ich weiß nicht mehr, ob du es mir wirklich so erzähltest, aber ich erinnere mich so daran: Travis seien eine Band für die kleinen Leute, die still träumen und anderen nichts zu Leide tun. Musik für jene, die ein Päckchen durchs Leben zu tragen haben, auch wenn sie nicht einmal wissen, von wem sie es aufgetragen bekamen und warum sie es mit sich führen müssen. Du vertrautest mir auch an, dass du vor den Menschen mit hohen Ambitionen immer schon zurückgeschreckt bist, auch wenn dir nicht klar war, warum.
Als ich „The Man Who“, „The Invisible Band“ und „12 Memories“ verfallen war (alles, was später kam, das gebe ich gerne zu, berührte mich nicht mehr sehr, auch das hemdsärmelige Debüt, „Good Feeling“ ist nichts für mich), vertraute ich dir an, wie sehr mich diese Songs bewegten, auch aus den Gründen, die du mir nanntest. 
Besesse…